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Info-Seiten: Unruh-Probleme

Die Unruh

Sie bestimmt zusammen mit der Spirale fast ausschließlich die Genauigkeit einer mechanischen Uhr. Alle anderen Teile müssen schon arg kaputt sein, damit sie den Gang nennenswert beeinflussen.
     Bis ca. 1950 gab es kaum Uhren, deren Unruh durch Stoßsicherungen geschützt wurde. Da Taschenuhren 1950 längst aus der Mode waren, kann man sagen: Taschenuhren haben fast nie eine Stoßsicherung.


Entsprechend häufig sind beschädigte Unruhen bei Taschenuhren und alten Armbanduhren. Nach meinen Erfahrungen haben ca. 50% der auf den Markt gelangenden Taschenuhren inakzeptable Gangeigenschaften, und bei alten Armbanduhren ist der Anteil noch größer. Die kleine und leichte Unruh einer Armbanduhr ist zwar widerstandsfähiger, aber sie muß auch häufiger Stöße wegstecken, während eine Taschenuhr in der Tasche gut geschützt ist.
 
  Inhalt
Steinbruch
Zapfen gestaucht
Zapfen verbogen oder abgebrochen
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Zapfen verbogen oder abgebrochen

 
  Bild 1
Unruhlager

Bild 1 zeigt ein übliches Unruhlager. Die Unruh soll sich reibungsarm drehen und dazu wurden einige Maßnahmen ergiffen:
1) Die Unruhwelle 1 ist dick und stabil, damit man die Unruh gefahrlos zusammenbauen kann.
2) Damit sie sich leicht dreht, sind beide Enden sehr dünn (ca. 0,1mm Durchmesser). Diese Enden nennt man Zapfen.
3) Die Zapfen laufen in Lochsteinen 2. Um die Reibung klein zu halten, sind die Löcher darin nicht zylindrisch, sondern tailliert (oliviert).
4) Weiter gibt es Decksteine 3, die die Unruh tragen, wenn die Uhr mit dem Zifferblat nach oben oder unten liegt.
5) Die Spalte zwischen Steinen und Zapfen sind so eng, daß ein Ölfilm (blau) die Unruh trägt.


  Bild 2
Upps - runtergefallen

Die Beulen in alten Taschenuhren demonstrieren, daß sowas in mehreren Jahrzehnten mal passiert. Kein Problem, wenn die Uhr ein Marmeladen-Toast wäre, der immer auf die (weiche) Marmeladenseite fällt. Leider fällt eine Uhr mal so und mal so, und meistens erwischt es die Kante.
     Bis kurz über dem Boden geht es gut, aber dann wird der Fall abrupt gestoppt. Die Unruh will weiter fallen, kann aber nicht. Es wirkt eine große Kraft P wie in Bild 2 gezeigt, und die beschädigt die empfindlichsten Teile: Einen oder beide Zapfen.
     Hat man Pech bricht der Zapfen ab. Es gibt zwar Künstler, die auch das irgenwie zurecht frickeln wie hier gezeigt. Aber wirklich helfen wird nur eine neue Unruhwelle oder das Einbohren eines neuen Zapfens. Beides ist teuer und macht manche Uhr zum wirtschaftlichen Totalschaden.
     Mit weniger Pech verbiegt der Zapfen nur. Auf den ersten Blick nicht schlimm: Wie Bild 2 zeigt, funktioniert der (blaue) Ölfilm noch, weil das Loch im Stein tailliert ist. Aber bei verbogenen Zapfen hat die Unruh eine Unwucht, und die sorgt dafür, daß die Uhr in aufrechten Lagen verschieden schnell läuft, je nachdem, ob sich die Krone oben, rechts, unten oder links befindet.
     Bedenkt man, daß eine winzige Scheibe von nur 1/100mm Dicke unter einer der Unruhschrauben einen solchen Lagefehler von ca. 20s/Tag korrigiert, kann man sich vorstellen, was passiert, wenn durch verbogene Zapfen die ganze schwere Unruh um nur 1/100mm aus der Mittelachse gebracht wird: Der Gang schwankt dann je nach Lage um mehrere Minuten pro Tag, und das macht die Uhr als Zeitmesser unbrauchbar, obwohl sie noch fröhlich tickt.
Abrechnung  (vgl. Service-Preise)

EUR  10,--  Aus- und Einbau des Werks
EUR  40,--  Lagefehler korrigieren, unter 60s/Tag

EUR  50,--  Mindest-Gesamtkosten (in 2011)
Oft sind die Zapfen so wenig verbogen, daß es sinnlos ist, sie gerade richten zu wollen. Es genügt dann, die Unwucht der Unruh zu beseitigen. 60s/Tag entspricht dem, was Uhren der Mittelklasse ab Fabrik leisteten, als es noch keine Zeitwaagen gab; will man's genauer, wird's teurer. Falls Zapfen gerichtet werden müssen oder gar die Unruhwelle erneuert werden muß, wird es noch teurer.
     Es ist also sinnvoll, den Gang einer erworbenen alten Uhr sorgfältig zu prüfen. Verkäufer verharmlosen oder verschweigen solche Mängel gern, und die meisten haben entweder nicht die Geräte oder nicht die Zeit, den Gang hinreichend zu prüfen.
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Zapfen gestaucht
 
  Bild 3
Vergößern der Bilder durch Anklicken möglich
Uhrenbeschreibung

ebay-Artikel und Verkäufer werden nicht genannt, weil der Verkäufer die Rücknahme angeboten hat.
LONGINES Taschenuhr - 17.69NZ
Zuschlag: 2.1.2011 für EUR 83,82
Originaltext: "Das selten verbaute Longines Kaliber 17.69NZ ist in einem fabelhaften Zustand und läuft tadellos.....Bis auf eine kleine Schramme am unteren linken Rand des Sichtglasses und einigen kleinen Kratzern vom öffnen des inneren Deckel befindet sich die Uhr in einem guten ansehlichen Zustand."

Soweit eine ehrliche Beschreibung. Sogar ein Chip im Glas bei 8:30 Uhr wurde erwähnt, obwohl im unscharfen Bild 3 kaum erkennbar (aus urheberrechtlichen Gründen wurde das Foto in vergleichbarer Qualität selbst aufgenommen). Nicht erwähnt wurde, daß die Uhr sofort stehen blieb, wenn man das Zifferblatt etwas nach oben drehte - wichtige für eine Uhr, wenn sie in der Hälfte aller Lagen nicht läuft, und beim Ablesen immer stehen bleibt. Der Verkäufer ging natürlich von einem Transportschaden aus, aber wer weiter liest, wird das so wenig glauben wie ich


Bild 4

Bild 5


Upps - runtergefallen


Die Uhr wurde 1935 verschenkt und ist seitdem mindestens einmal sehr unglücklich gefallen - nicht ungewöhnlich in so langer Zeit.

Das schärfere Bild 4 zeigt bei A (besser durch Vergrößern) an, wo und wie die Uhr gelandet ist: Der oberflächliche Chip im Glas deutet auf einen Steinfußboden, also ein besonders harter Stoß.

Bild 5 zeigt die entsprechende Stelle A auf dem Uhrwerk: Das Unruhlager B liegt nahe bei A auf der Linie zwischen A und dem Schwerpunkt C des Werks, und schlimmer konnte es kaum kommen. Bei der Landung stößt der Zapfen der Unruh mit voller Wucht auf den Deckstein.

   Bild 6

Der kleine Schaden


Das Bild 6 der Unruhwelle zeigt (besser bei Vergrößerung) daß der Zapfen breitgeklopft wurde wie der Kopf eines Meißels, der zu heftig mit dem Hammer bearbeitet wurde. D.h. der Zapfen wurde etwas kürzer und dafür am Ende etwas dicker

Bild 7

Bild 8
Zifferblatt unten

Bild 7 zeigt das zifferblattseitige Unruhlager aus Unruhwelle 1, Lochstein 2 und Deckstein 3 kurz vor der Landung.

Bild 8 zeigt das ganze im Augenblick der Landung. Das Gehäuse wird gestoppt, die Unruhwelle will weiter, kann aber nicht. Dadurch drückt die Masse der Unruh den Zapfen mit der Kraft P auf den Deckstein. Oft wird der dabei zerrümmert - hier aber nicht. Dafür wird das Zapfenende breitgeklopft.

Läßt man die Uhr so liegen, läuft sie problemlos weiter, denn der (blaue) Ölfilm ist noch intakt - nirgends klemmt etwas.
   Bild 9
Zifferblatt oben

Nun zieht das Gewicht der Unruh den breitgeklopften "Kopf" des Zapfens in den engen Teil des Lagerstein-Lochs (Bild 9). Der Ölfilm (blau) funktioniert nicht mehr, der Zapfen sitzt fest wie ein Korken im Flaschenhals und nichts dreht sich mehr.
     Dieser Fehler ist nicht so häufig wie das oben beschriebene Verbiegen oder gar Abbrechen des Zapfens, aber doch häufiger als man glaubt. Die Uhr läuft dann, oft sogar sehr genau, solange das Zifferblatt nach unten gerichtet ist. Aber sobald das Zifferblatt aus vertikaler Lage etwas nach oben gedreht wird, bleibt die Uhr sofort stehen.
     Fällt die Uhr mit dem Metallboden vorweg auf den Boden, passiert meist nichts. Der Boden ist elastischer als das Glas und federt den Stoß ab. Bei Savonetten oder Uhren mit Kunststoffglas wird man den Fehler selten beobachten, denn sie sind auf beiden Seiten elastisch.
Abrechnung  (vgl. Service-Preise)
 
EUR  10,--  Aus- und Einbau des Werks
EUR  20,--  Ausbau der Unruh, Zapfen Rollieren
EUR  40,--  Lagefehler korrigieren, unter 60s/Tag

EUR  70,--   Gesamtkosten Reparatur
EUR  90,72  Preis der Beispiel-Uhr mit Porto

EUR 160,72  Gesamtpreis für Beispiel-Uhr (in 2011)
Kein günstiger Preis, wie das Auktionsergebnis beweist, aber der Eintrag des Werks ins Archiv ist ja auch etwas wert. Mit etwas Glück ist der Zapfen nur gestaucht und nicht verbogen. Dann entfällt die Korrektur des Lagefehlers. 60s/Tag entspricht dem, was Uhren der Mittelklasse ab Fabrik leisteten, als es noch keine Zeitwaagen gab; will man's genauer, wird es teurer. Ist die Verformung zu stark, muß die Unruhwelle erneuert werden; dann wird es ebenfalls teurer.
     Es ist also sinnvoll, den Gang einer erworbenen alten Uhr sorgfältig zu prüfen. Verkäufer verharmlosen oder verschweigen solche Mängel gern, und die meisten haben weder die Geräte noch die Zeit, den Gang hinreichend zu prüfen.
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Steinbruch
 


Bild 10

Bild 11
Uhrenbeschreibung

Auch das sollte mal gesagt werden: Es gibt perfekte Verkäufer.

Diese Uhr wurde bei ebay ersteigert um diese Lücke im Uhrwerkarchiv zu stopfen. Wie Bild 10 und 11 zeigen, sieht die Uhr innen und außen fast taufrisch aus. Sie lief auch in allen Lagen, aber nur mit dem Zifferblatt oben gut. In allen anderen Lagen war der Gang übel.

Das war ein Zeichen, daß das Unruhlager auf der Zifferblattseite beschädigt war und nach dem Ausschalen für die Werkfotos bestätigte sich das.

Der Verkäufer sorgte für eine perfekte Reparatur, und die Uhr konnte später mit fast chronometergenauem Gang verkauft werden.
Hier der entsprechende Archiveintrag.




Bild 12

Bild 13
Vergößern der Bilder durch Anklicken möglich
Upps - runtergefallen

Die Uhr wurde 1931 gebaut und ist seitdem mindestens einmal sehr unglücklich gefallen - nicht ungewöhnlich in so langer Zeit.

 Wie Bild 12 zeigt (besser durch Vergrößern) hatte die Unruhwelle ein größeres Loch in den Stein geschlagen, und man kann sich vorstellen, daß damit kein perfekter Gang erreichbar ist; schließlich haben Hersteller gute Gründe Steine mit runden Löchern zu verwenden.

Auch der Deckstein wurde beschädigt (Bild 13). Da er in der Mitte heil blieb, hätte man ihn nicht erneuern muüssen, aber der Verkäufer erneuerte ihn dennoch.

Abrechnung  (vgl. Service-Preise)
 
EUR  10,--  Aus- und Einbau des Werks
EUR    5,--  Aus- und Einbau der Unruh
EUR  30,--  zwei Steine erneuern
EUR  40,--  Lagefehler korrigieren, unter 60s/Tag

EUR  85,--   Gesamtkosten Reparatur (in 2009)
Tatsächlich hat mich die Reparatur nichts gekostet, denn der Verkäufer sorgte dafür. Da die Unruhwelle wie durch ein Wunder unbeschädigt blieb, mußte auch kein Lagefehler korrigiert werden. Die genannten Kosten sind also nicht real; sie sollen nur zeigen, womit man nach einem solchen Sturz einer Uhr rechnen sollte, und womit man auch bei vielen Uhren rechnen muß, die ohne sorgfältige Prüfung angeboten werden.
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Letzte Änderung:  7.9.11